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27.10.2003 › Das Parlament Nr. 44 |
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Die Hochmotivierte Marianne Tritz
Als sie zwölf Jahre alt war, wollte Marianne Tritz Politikerin oder alternativ Journalistin werden, am liebsten Außenministerin oder Regierungssprecherin. Dieser Traum hat sich - fast - erfüllt. Seit September 2002 sitzt die 39-jährige Niedersächsin für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag. Gerade reist sie mit Außenminister Joseph Fischer nach Afrika. Im Mai war sie in Prag dabei, als Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Staatsbesuch beim Nachbarn weilte.
Und was die Regierungssprecherin angeht, gehört Pressearbeit zum täglichen Handwerk einer Abgeordneten. Sie verfasst Pressemitteilungen, (www.marianne-tritz.de/Presse), hält Reden wie Anfang Oktober vor dem Europarat oder Mitte Oktober zur Wehrpflicht im Deutschen Bundestag, führt Gespräche und Verhandlungen in zahlreichen Ausschusssitzungen in den Parlamentswochen, - die Fülle der Möglichkeiten für Bundestagsabgeordnete, politische Positionen und Überzeugungen zu vermitteln, sind vielfältig. Marianne Tritz mag das, was sie seit einem Jahr tut: "Es ist eine hochspannende Arbeit. Wir haben täglich mit neuen Themen, vielfältigen Aufgaben und interessanten Menschen zu tun. Ich habe den besten Job der Welt, der mir sehr viel Spaß macht. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung", so die Abgeordnete gegenüber "Das Parlament". Sie hatte sehr realistischeVorstellungen von ihrem Traumberuf: "Es haben sich alle meine Erwartungen bestätigt: voller Terminkalender, haufenweise Arbeit, wenig Privatleben. Ich wusste sehr genau, worauf ich mich einlasse. Ich habe mich noch zu meinen Kreisverbandszeiten und später als Referentin des Bundesvorstandes von Bündnis 90/Die Grünen mit der Arbeit der Bundestagsfraktion auseinandergesetzt und wusste, was auf mich zukommt." Die Bürokratie des Deutschen Bundestages und die lange Einarbeitungszeit haben sie jedoch überrascht. Ein ganzes Jahr habe sie gebraucht, um sich so einzuarbeiten, dass sie jetzt das Gefühl habe, wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen.
Tritz muss Vielseitigkeit beweisen, einfach weil die Fraktionsarbeit auf wenige Köpfe übertragen werden muss im Vergleich zu den großen Fraktionen. Sie ist stellvertretende Koordinatorin des Arbeitskreises "Internationale Politik und Menschenrechte". Sie sitzt im Auswärtigen Ausschuss und im Verteidigungsausschuss, in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, daneben im Unterausschuss zur Weiterentwicklung der Inneren Führung in der Bundeswehr und im Interfraktionellen Ausschuss für das Gästeprogramm der Bundesregierung. Stellvertretendes Mitglied ist sie unter anderem in der Parlamentarischen Versammlung der NATO und im Unterausschuss Rüstungskontrolle und Abrüstung. Sie arbeitet in mehreren so genannten Parlamentariergruppen mit, so unter anderem bei den arabischsprachigen Staaten des Nahen Ostens und in der Gruppe Serbien-Montenegro. Das Auswählen von Schwerpunkten für die Ausschüsse hatte sich als schwierig herausgestellt. "In einer kleinen Fraktion muss man alles machen, was in den Ausschüssen anfällt. Wir haben versucht, eine thematische Abgrenzung vorzunehmen, und sind damit allerdings schnell gescheitert, weil sich Bereiche immer wieder überschneiden. Es müssen sich verschiedene Abgeordnete trotz unterschiedlicher Schwerpunkte mit den gleichen Themen befassen", so ihre Erfahrung. Tritz konzentriert sich auf internationale Konflikte, Auslandseinsätze der Bundeswehr sowie die Nachkriegsordnung. Weitere Schwerpunkte sind die Abschaffung der Wehrpflicht, Frauen in der Bundeswehr und die Weiterentwicklung der Inneren Führung der Bundeswehr. Desweiteren ist sie für Serbien und Montenegro sowie Afrika zuständig.
Die Frage, ob sich ihr Politikbild als Parlamentarierin in Berlin gewandelt habe, verneint Tritz. Sie hat kommunalpolitische Erfahrung, war in den 80ern Geschäftsführerin der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und 1999 niedersächsische Spitzenkandidatin für die Europawahl. Außerdem war sie lange Vorsitzende des grünen Kreisverbandes Lüchow-Dannenberg. Nach einem Jahr als MdB lautet ihre Bilanz: "Aber ich lerne sehr viel - über den Einfluss von Lobbyisten, wie Entscheidungen zustande kommen, wie man diese vermittelt, wie Strippen gezogen werden, wie wichtig Kompromisse sind und welche Erwartungen es an Politiker und Politikerinnen gibt. In Berlin versuche ich mir einen guten Ruf als Fachabgeordnete zu verdienen. Im Wahlkreis erwarten die Menschen, dass wir über alle Politikfelder im Detail, inklusive der technischen Einzelheiten Bescheid wissen. Selbst über die ,Niederungen' der Landespolitik werden wir befragt. Wenn man dann beim Einkaufen nicht gleich über die Emmissionswerte beim Neubau eines Schweinestalls referieren kann, wird man schon schräg angeguckt", so ihre Erfahrung. Es käme doch keiner auf die Idee, den Bäcker zu fragen, ob er sich die defekte Heizungsanlage daheim mal angucken könne, rückt Tritz den Anspruch zurecht. "Die Anforderungen aus dem Wahlkreis sind hoch. Keiner versteht so richtig den Unterschied zwischen Politikern, die direkt gewählt und denen, die, wie bei den Grünen, über die Landesliste in den Bundestag geschickt werden. Dann macht sich schnell Enttäuschung breit, wenn ich nicht jeden Lokaltermin wahrnehmen kann, zu dem ich eingeladen werde."
Abgeordnete zu sein, gibt Tritz die Freiheit, Politik mit vollem Einsatz zu fahren. "Ich betrachte es als Privileg, dass mir meine Partei und die Wählerinnen und Wähler die Chance zur Mitgestaltung eingeräumt haben. Dennoch bin ich mir der großen Verantwortung dieser Aufgabe immer sehr bewusst. Alles, was wir entscheiden, hat Auswirkungen auf die Menschen im Land", unterstreicht die Niedersächsin.
Dass Tritz als Mitglied der Regierungskoalition mit Druck und Erwartungen konfrontiert ist, macht ihr wenig aus. "Ich lasse keinen Druck auf mich ausüben. Ich informiere mich, wäge ab und treffe dann meine Entscheidungen. Druck blockiert das Denken. Das ist absolut gefährlich in unserem Job. Außerdem muss man keinen Druck auf mich ausüben. Wenn mir jemand schlüssig seine Argumentation nahebringen kann, bin ich sehr solidarisch und kompromissbereit. Extrem vorsichtig bin ich mit Lobbyisten. Da gucke ich sehr genau hin, wer was warum will und ob ich überhaupt eine Notwendigkeit sehe, mich auf bestimmte Verbände einzulassen."
Tritz, so scheint es, arbeitet in ihrem Traumberuf. Und gelernt und ausprobiert hat sie schon vieles. Sie ist staatlich anerkannte Erzieherin, studierte Sozialwesen und machte eine Ausbildung zur Polsterin und Raumausstatterin mit Gesellenbrief. Zuletzt arbeitete sie als Referentin für Kultur-, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist Ehefrau und Mutter von zwei Kindern, wobei das Privatleben zurzeit zu kurz kommt. "Es ist und bleibt schwierig, diese Rolle mit der Politikerin zu vereinbaren", sagt sie. Ihre Kinder, 13 und acht, betreuen hauptsächlich ihr Ehemann und die Großeltern. Das Mutter-Defizit bleibe, das könne die beste Betreuung nicht aufwiegen, so Tritz. Wenn es gilt, mal von der Politik abzuschalten, fährt Tritz mit der Familie Fahrrad. Und gerne würde sie ihr Sofa weiter polstern, doch dafür bleibt im Moment keine Zeit, so bereichernd handwerkliche Arbeit auch sein könne. "Immer in Eile" steht unter einem ihrer Bilder in der Fotogalerie auf der Homepage. Da steigt sie in einen Zug, ist gar nicht zu erkennen, weil das Foto komplett bewegungsunscharf ist. Momentaufnahme "des besten Jobs der Welt".
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